Zur Diskussion: übermotiviert in den Burn-out!

Veröffentlicht

Erst vor wenigen Tagen ging wieder die Meldung der AOK zum dramatischen Anstieg psychischer Erkrankungen durch die Medien.

Die AOK-Studie beleuchtet den Einfluss privater Krisen. Ich möchte hier den Blick auf die Stressoren im Job lenken, genauer auf die Rolle der Führung.

Die Bedeutung des Führungsverhaltens für die psychische Gesundheit ist evident und vielfach belegt.

Naheliegend ist, dass ein autoritärer Führungsstil, der vor Allem auf Druck, Angst und Verunsicherung setzt, belastend auf die Mitarbeiter wirkt und auf Dauer krank macht.

So problematisch ein solches Führungsverhalten auch ist, hier gibt es Korrekturmechanismen:

  • Dieser Führungsstil verstößt heutzutage gegen die Führungsleitlinien der allermeisten Unternehmen (bzw., wenn nicht vorhanden, gegen das erwünschte Führungsverhalten). Eine so agierende Führungskraft wird direkt oder indirekt also eingehegt.
  • Wichtiger noch: der betroffene Mitarbeiter zeigt Abwehrreaktionen. Er ist weniger motiviert, nimmt sich Auszeiten („krank machen“) oder zeigt tatsächlich somatische Symptome (Kopf, Magen, Rücken) – Schutzmechanismen des Körpers. Schließlich mag er sich dem Stress durch Kündigung entziehen.

Was aber ist mit den „guten Chefs“? Mit denjenigen, die motivieren, Leistung anerkennen und fördern, Freiraum bieten und zugleich ein tolles Wir-Gefühl erzeugen?

Der junge, ehrgeizige Mensch, der in einem solchen Umfeld arbeitet, bringt herausragende Leistungen, macht Karriere, geht voll und ganz im Job auf … wird zum Workaholic auf der Suche nach noch mehr positivem Feedback und läuft UNGEBREMST in den Burn-out.

Kein Korrektiv setzt ein.

Im Gegenteil, lauter Verstärker wirken:

  • Der Mitarbeiter selbst fühlt sich wohl, erhält allseits Anerkennung, will mehr.
  • Der Chef ist zufrieden. Mit sich. Mit seinem Mitarbeiter. „Weiter so!“
  • Und die Führungsebenen darüber sind begeistert, wie toll die Führungskraft ihre Mitarbeiter motiviert, zu Höchstleistungen treibt und Ergebnisse liefert.

Die Quittung kommt ja auch erst Jahre oder Jahrzehnte später. Für den betroffenen Mitarbeiter. Und genauso für das Unternehmen. Auch kaufmännisch kann sich eigentlich keiner einen Burn-out leisten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: positives, motivierendes Führungsverhalten und daraus resultierende Top-Leistungen sind absolut erstrebenswert. Ohne Frage.

Aber müssen wir nicht auch unser Führungsverhalten nachhaltiger anlegen, anstatt Leistungswilligkeit und -fähigkeit junger Menschen „auszubeuten“?

Als ich ein junger Manager war, sagte mir unser GBR-Vorsitzender, man müsse die Mitarbeiter auch vor sich selber schützen. Ich hatte ihn für verrückt erklärt. Heute denke ich, dass er nicht ganz unrecht hatte.

 

Stefan Urke